
Leipziger Strombörse (EEX) – der Stromhandel verstehen
Die Leipziger Strombörse (EEX) ist einer der größten europäischen Handelsplätze für Strom und ein zentraler Referenzmarkt für die Erlöse jeder PV-Investition. Wer in Photovoltaik investiert oder einen...
Die Leipziger Strombörse (EEX) ist einer der größten europäischen Handelsplätze für Strom und ein zentraler Referenzmarkt für die Erlöse jeder PV-Investition. Wer in Photovoltaik investiert oder einen Solarpark betreibt, bekommt seine Erlöse direkt oder indirekt aus den Spot- und Day-Ahead-Märkten der EEX: auch wenn er nie selbst dort handelt.
Dieser Leitfaden erklärt, wie der Stromhandel an der EEX funktioniert, was den Marktwert Solar bestimmt und warum die EEX-Mechanik für Investorenrenditen direkt entscheidend ist.
Was ist die EEX?
Die European Energy Exchange (EEX) mit Sitz in Leipzig zählt zu den größten Energiebörsen Europas. Gehandelt werden:
- Strom (Spot- und Terminmarkt)
- Erdgas, Kohle, CO2-Zertifikate
- Garantie- und Herkunftsnachweise (Grünstrom-Zertifikate)
Für PV-Investoren ist speziell der Strommarkt relevant:
| Markt | Was wird gehandelt |
|---|---|
| Day-Ahead-Markt (EPEX Spot) | Strom für den nächsten Tag – Preis wird täglich um 12:00 fixiert |
| Intraday-Markt | Kurzfristige Korrekturen am gleichen Tag |
| Terminmarkt | Strom für künftige Monate / Quartale / Jahre |
| Regelenergie-Markt | Sekunden- bis Minutenbereich (für BESS-Investments) |
Day-Ahead-Markt: der wichtigste Markt
Der Day-Ahead-Markt ist der wichtigste Preisbildungsmechanismus. Hier wird täglich um 12:00 der Strompreis für jede einzelne Stunde des nächsten Tages per Auktion festgelegt.
Funktionsweise:
- Bis 12:00: Verkäufer (PV-Erzeuger, Kraftwerke) und Käufer (Direktvermarkter, Versorger) reichen Gebote ein
- 12:00: Auktion läuft: die EEX matched Angebote und Nachfrage
- ab 12:40: Marktpreise je Lieferzeitscheibe sind veröffentlicht (seit September 2025: 15-Minuten-Produkte)
- Nächster Tag: Strom wird zu diesen Preisen geliefert
Typisches Preisniveau (Orientierungswerte; aktuelle Zahlen siehe EPEX SPOT / SMARD):
- Tagesdurchschnittspreis: 7–10 ct/kWh
- Nachts: 4–7 ct/kWh
- Mittagsspitze (sonnenreiche Tage): -2 bis +5 ct/kWh (oft negativ wegen PV-Überschuss)
- Abendspitze: 12–18 ct/kWh
Was bestimmt den Strompreis?
Der Spot-Strompreis wird durch Merit-Order bestimmt: die günstigsten Kraftwerke werden zuerst eingesetzt:
- Erneuerbare (PV, Wind): quasi 0 ct/kWh Grenzkosten
- Atomkraftwerke (v. a. Frankreich): sehr niedrige Grenzkosten
- Wasserkraft, Müllverbrennung: niedrige Grenzkosten
- Steinkohle: mittlere Grenzkosten (abhängig von Brennstoff- und CO₂-Preis)
- Erdgas (GuD, Heizwerke): höhere Grenzkosten (stark abhängig vom Gaspreis)
- Spitzenlast-Gaskraftwerke: höchste Grenzkosten
Der Strompreis wird vom letzten benötigten Kraftwerk (Grenzkraftwerk) bestimmt. In sonnenreichen Mittagsstunden ist das oft Erneuerbare → niedriger Preis. In Winter-Abendstunden Erdgas → hoher Preis.
Marktwert Solar: die Investorenkennzahl
Für PV-Investoren ist der Marktwert Solar entscheidend: der durchschnittliche Strompreis, den eine PV-Anlage in einem Monat erzielt. Da PV-Anlagen vor allem mittags Strom produzieren (wenn der Marktpreis niedrig ist), liegt der Marktwert Solar strukturell unter dem Tagesdurchschnitt.
Marktwert Solar 2024–2026 (Bundesnetzagentur-Veröffentlichungen):
| Jahr | Mittelwert (ct/kWh) | Spotmarktpreis Mittel (ct/kWh) | Spread |
|---|---|---|---|
| 2024 | 4,8 | 7,2 | -2,4 |
| 2025 | 5,5 | 8,8 | -3,3 |
| 2026 (geschätzt) | 6,0 | 9,5 | -3,5 |
→ Der Marktwert Solar liegt typisch 2–4 ct/kWh unter dem allgemeinen Spot-Strompreis: wegen der „Mittags-Häufung“ des PV-Stroms.
Konsequenz für Investoren: Wer den Marktwert Solar ignoriert und mit dem Spot-Strompreis kalkuliert, überschätzt seine Erlöse deutlich.
Monatsmarktwert: die Vergütungs-Bezugsgröße
Die Monatsmarktwerte (MMW) werden von den vier Übertragungsnetzbetreibern (50Hertz, Amprion, TenneT, TransnetBW) monatlich auf netztransparenz.de veröffentlicht und sind die Bezugsgröße für die EEG-Marktprämie:
EEG-Marktprämie = anzulegender Wert − Monatsmarktwert
Beispiel: Eine 1-MWp-Freiflächenanlage mit anzulegendem Wert 6,0 ct/kWh, Monatsmarktwert Mai 2026 = 5,2 ct/kWh:
- Vermarktungserlös am Spotmarkt: 5,2 ct/kWh
- Plus Marktprämie BNetzA: 0,8 ct/kWh
- Gesamt-Erlös: 6,0 ct/kWh (= anzulegender Wert)
→ Das Marktprämienmodell garantiert dem Anlagenbetreiber mindestens den anzulegenden Wert, unabhängig von Spotmarktschwankungen. Detail im Artikel Solarstrom verkaufen.
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Direktvermarktung: wie der Strom an die EEX kommt
Anlagen über 100 kWp müssen in die Direktvermarktung: d. h. ein lizenzierter Direktvermarkter verkauft den Strom an der EEX in Ihrem Auftrag.
Direktvermarkter 2026:
- Trianel (Stadtwerke-Kooperation aus Aachen)
- Quadra Energy (TotalEnergies-Tochter; nach Branchenangaben einer der größten Direktvermarkter in Deutschland, Stand 2026)
- Statkraft (norwegischer Energiekonzern, sehr aktiv im DE-Markt)
- Next Kraftwerke (spezialisiert auf Erneuerbare)
- Energy2market (e2m) (Mittelständler)
- enercity (Stadtwerk Hannover)
Vermarktungsentgelt: typisch 0,3–0,8 ct/kWh: abhängig von Anlagengröße, Vermarktungsstrategie und Bonus-/Malus-Regelung.
EEX-Trends 2026
Trend 1: Negative Strompreise nehmen zu
In sonnen- und windreichen Stunden kann der Strompreis negativ werden: der Strom „kostet“ den Verkäufer Geld. Mit dem weiteren PV-Ausbau ist tendenziell mit häufigeren negativen Preisstunden zu rechnen (aktuelle Zahlen siehe SMARD).
Konsequenz: Bei negativen Strompreisen für ≥ 4 Stunden gilt seit 2024 die Gebotspflicht für Direktvermarkter: keine EEG-Marktprämie für diese Stunden.
Trend 2: PPA verschiebt sich aus der EEX
Großindustrie und Rechenzentren schließen zunehmend PPAs außerhalb der EEX: bilateral mit Solarpark-Betreibern. Detail im Artikel Power Purchase Agreement (PPA).
Trend 3: Day-Ahead vs. Intraday
Der Intraday-Markt wächst. Bei volatilen Wetterbedingungen können Direktvermarkter ihre Day-Ahead-Vorhersagen am gleichen Tag korrigieren. Wichtig vor allem für Batteriespeicher (BESS), die Spread-Arbitrage zwischen Day-Ahead und Intraday betreiben.
Wie sich EEX-Mechanik auf Ihre Investition auswirkt
| Anlagentyp | Hauptmarkt | Erlöslogik |
|---|---|---|
| Aufdach-PV ≤ 100 kWp | Netzeinspeisung mit EEG-Festvergütung | EEX-irrelevant |
| Aufdach-PV > 100 kWp | Marktprämienmodell | Marktwert Solar als Bezugsgröße |
| Freiflächenanlage | Marktprämienmodell + ggf. PPA | Marktwert Solar + PPA-Aufschlag |
| BESS / Speicher | Multi-Use (Spotmarkt + Regelleistung) | EEX-Spotmarkt direkt – Spread-Arbitrage |
| PV+Speicher-Hybrid | Optimiert über Speicher | Speicher verschiebt PV-Strom in Hochpreisstunden |
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Beispiel: Solarpark 5 MWp im Marktprämienmodell
Anlagenparameter:
- 5 MWp Freifläche, Mitteldeutschland
- Stromertrag 5.000 MWh/Jahr (1.000 kWh/kWp)
- Anzulegender Wert (EEG-Ausschreibung): 6,2 ct/kWh
- Monatsmarktwerte 2026: zwischen 4,1 und 7,8 ct/kWh
Monatliche Erlös-Beispiele:
| Monat | MMW | Spotmarkt-Erlös | Marktprämie | Gesamt-Erlös |
|---|---|---|---|---|
| März (sonnig) | 5,8 ct | 5,8 × 580 MWh = 33.640 € | 0,4 × 580 MWh = 2.320 € | 35.960 € |
| Juli (sonnig, niedrige Preise) | 4,1 ct | 4,1 × 700 MWh = 28.700 € | 2,1 × 700 MWh = 14.700 € | 43.400 € |
| November (geringe Erzeugung) | 7,8 ct | 7,8 × 200 MWh = 15.600 € | 0 € (MMW > anzul. Wert) | 15.600 € |
| Jahresertrag (5.000 MWh) | ca. 310.000 € |
→ Effektiver Durchschnittserlös: mindestens 6,2 ct/kWh (anzulegender Wert; in Monaten mit besonders hohen Spotmarktpreisen kann der Erlös darüber liegen).
Wichtig: Bei niedrigen Monatsmarktwerten greift die Marktprämie besonders stark, und sichert den Anlagenbetreiber bis zum anzulegenden Wert ab. Bei längeren negativen Preisstunden (≥ 4 Stunden) entfällt die Marktprämie für diese Stunden seit der EEG-Reform 2024.
FAQ
Muss ich selbst an der EEX handeln?
Nein. Bei Anlagen über 100 kWp läuft der Stromverkauf immer über einen Direktvermarkter, der für Sie an der EEX handelt. Sie sehen nur das Endergebnis (monatliche Abrechnung).
Wo finde ich aktuelle Strompreise?
- EEX-Webseite: www.eex.com → Strom → Day-Ahead Auktionsergebnisse
- EPEX SPOT: www.epexspot.com
- Smard (BNetzA): www.smard.de: auch historische Daten
- Netztransparenz (ÜNB): www.netztransparenz.de: Veröffentlichung der Monatsmarktwerte für Solar/Wind
Wie kann ich von hohen Strompreisen profitieren?
Drei Wege:
- PPA mit Festpreis: Strompreis-Untergrenze sichern (siehe PPA)
- PV+Batteriespeicher: Spotmarkt-Spreads ernten (siehe BESS)
- Eigenverbrauch maximieren: bei Industriekunden/Mieterstrom besonders wertvoll
Was sind Herkunftsnachweise (HKN)?
HKN sind Zertifikate, die belegen, dass eine bestimmte kWh aus erneuerbarer Energie stammt. Sie werden separat an der EEX gehandelt: typisch 0,1–0,5 ct/kWh zusätzlich zum Strompreis. Für PV-Anlagen, die in der EEG-Vermarktung sind, ist HKN-Verkauf nicht möglich (Doppelförderung-Verbot).
Verändert sich der Strommarkt 2026/27?
Ja: die EU plant 2026/27 Anpassungen am Strommarktdesign (sog. „Electricity Market Reform“). Erwartete Änderungen: Capacity Markets für Backup-Kraftwerke, mehr CFDs (Contract for Difference) für Erneuerbare, neue Regeln für negative Strompreise.
Weiterführend:
- Solarstrom verkaufen: Vermarktungswege im Überblick
- Power Purchase Agreement (PPA): bilaterale Festpreisverträge
- Batteriespeicher-Investment, wie BESS die EEX-Mechanik nutzt
- Solarpark Rendite, wie sich Marktwerte auf Renditen auswirken
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